Am 15.02.2006 fegte ein Tornado durchs Neue Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Es kamen jedoch weder Mensch noch Museum zu Schaden.
Der künstlich erzeugte Tornado soll Menschenleben retten. Er ist Herzstück einer in der Welt bisher einzigartigen Entrauchungsanlage im Neuen Mercedes-Benz-Museum. Es ist jedoch keine Entrauchungsanlage, wie wir sie alle kennen, die während oder nach einem Brand den Brandbereich entraucht - vielmehr werden die vom Brand nicht betroffenen Ausstellungsflächen von Rauchfreigehalten. Die Ausstellungsfläche, in welcher der Brand herrscht, darf gemäß dem Brandschutzgutachten und der Baugenehmigung verrauchen.
Das architektonisch und dadurch auch technisch anspruchsvolle und spannende Gebäude konnte mit einer herkömmlichen Entrauchungsanlage nicht entraucht werden. Alle Sammlungsflächen - sie umfassen ungefähr 15.000 m² - stehen untereinander und über das Atrium ohne Brandschutzabtrennungen in Verbindung. So musste ein neues System entwickelt, getestet und umgesetzt werden, das den geometrischen und technischen Anforderungen entspricht. Gemeinsam mit Herrn Professor Detzer vom Entwicklungslabor der Firma Imtech in Hamburg wurde an einem Modell im Maßstab 1:18 die Wirbelstromentrauchung entwickelt und getestet. Die Ergebnisse flossen in den parallel zu den Laborversuchen weiter wachsenden Rohbau ein und wurden schlussendlich durch die technischen Anlagen ergänzt. So wurden in die drei Vertikalflächen im Atrium jeweils zwei Düsenreihen flächenbündig eingebaut. Die Luft aus diesen Düsen erzeugt innerhalb des Atriums eine Rotationsströmung, wodurch in den angrenzenden Bereichen ein leichter Unterdruck erzeugt wird. Die für die Be- und Entlüftung erforderlichen Raumlufttechnischen Anlagen, die den jeweiligen Ausstellungsebenen zugeordnet sind, werden im Brandfall auf 100 % Außenluftbetrieb geschaltet. Zusätzlich wird über Axialventilatoren Außenluft in die Ausstellungsebenen eingeblasen. Im Brandfall wird für die Rauchfreihaltung eine Luftmenge von insgesamt 280.000 m³/h bewegt. Tritt aus einer vom Brand betroffenen Ausstellungsebene Rauch aus, mischt sich dieser in die rotierende Strömung ein und wird im Auge des Tornados nach oben zum Entrauchungsventilator befördert.
Durch Überdruck in den Ausstellungsflächen, die nicht vom Brand betroffen sind, wird ein Rauchübertritt sowohl aus dem Atrium als auch aus der von Feuer betroffenen Ausstellungsebene verhindert.
Da der Genehmigungsbehörde und den zuständigen Feuerwehren das Erreichen des Schutzziels auch im Maßstab 1:1 durch Rauchversuche nachgewiesen werden musste, wurde am 15.02.2006, neben dem Nachweis des entstehenden Wirbels im Atrium, in zwei Ausstellungsebenen ein Brand mittels Rauchgeneratoren und Heißgasbrenner simuliert. Die Brandmeldeanlage detektierte den "Brand" direkt nach dem Einschalten des Brandsimulators. Die Düsenanlage, der Entrauchungsventilator und die zusätzlichen Axialventilatoren liefen an und die Anlagen zur Be- und Entlüftung der Ausstellungsebenen gingen in die Funktion "Entrauchung" über. Auch nach einem längeren "Brand" wurde in beiden Ausstellungsebenen das Schutzziel , also die Freihaltung der vom Brand nicht betroffenen Ausstellungsebenen, eingehalten und nachgewiesen. Alle Beteiligten waren mehr als zufrieden, da der Nachweis im Maßstab 1:1 die Laborergebnisse übertroffen hat.
Nach diesem erfolgreichen Test steht der Eröffnung des Neuen Mercedes-Benz-Museums am 19.05.2006 aus unserer Sicht nichts mehr im Wege.
Heinz-Peter Koch, DS-Plan AG.
Download (MPEG2, 20MB)
Bildunterschriften:
Neues Merces-Benz-Museum Stuttgart
Der Rauchgenerator
Ein Tornado fegt durchs Neue Mercedes-Benz-Museum
Senkrechte Düsenreihen in den Atriumswänden
Abluftdurchlass des Tornados
Rauchübertritt aus dem Atrium